Autorin:

Dr. Jutta Witte

Bildquelle:

IG Metall Bayern/ Nena.pictures

Zukunftmobil: Technologischer Wandel – demokratisch.ökologisch.sozial

Konferenz der IG Metall Bayern am 25. und 26. November 2019 in München

Intro

Digitalisierung, Globalisierung, Elektrifizierung und disruptive Geschäftsmodelle: Die Automobilindustrie steht mitten in einer grundlegenden Transformation. Produkte, Produktion und Arbeitsorganisation ändern sich im Zuge dieses Umbruchs grundlegend. Die Herausforderungen, die damit einher gehen, können Beschäftigte und Interessenvertreter nur meistern, wenn sie in der Mitbestimmung neue Wege gehen. Die Mitbestimmungskultur 4.0, an der sie gerade arbeiten, setzt auf Empowerment und Agilität und sie verzahnt die verfasste, institutionalisierte Mitbestimmung mit der direkten Beteiligung der Belegschaft.

Was ist der richtige Antrieb?

Die Antwort, die Johann Horn auf diese Frage gab, ging weit über die aktuelle Diskussion um Verbrennungs- oder Diesel- oder Elektromotoren hinaus. „Der richtige Antriebsstrang für die Zukunft sind die Menschen in den Unternehmen“, betonte der Bezirksleiter der IG Metall Bayern zum Auftakt der Konferenz. Gemäß dem Motto „Technologischer Wandel – demokratisch.ökologisch.sozial“ gab die Veranstaltung nicht nur Einblicke in neue Zukunftstechnologien, Wertschöpfungs- und Innovationskonzepte, arbeitspolitische Instrumente und industriepolitische Fragen. Ihr Fokus richtete sich vor allem auf die Folgen des vielschichtigen Transformationsprozesses für die Beschäftigten und die Frage wie Belegschaft, Betriebsräte, Vertrauensleute und Gewerkschaft ihn im Interesse der Menschen gestalten können.

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Empowerment ist der Schlüssel

Wie aber verleiht man den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine stärkere Stimme? Wie schafft man einen Wandel der Unternehmenskultur hin zu mehr Mitbestimmung und mehr Demokratie? Und wie versetzt man die Menschen – Beschäftigte, Führungskräfte und Interessens-vertreterinnen und -vertreter – in die Lage, ihre Arbeitswelt souverän zu gestalten? Der Schlüssel hierfür ist Empowerment. Die fünf Partner des Verbundprojektes EdA haben in den letzten drei Jahren die Handlungsfelder hierfür umfassend analysiert, nachvollzogen wie die Beschäftigten ihre Arbeitswelt erleben und darauf aufbauend neue Methoden und Instrumente für den praktischen Einsatz in den Betrieben entwickelt. Dr. Andrea Fehrmann, bei der IG Metall Bayern verantwortlich für Industriepolitik, zog eine positive Bilanz: „EdA setzt neue Impulse – auch für die Betriebsratsarbeit der Zukunft“.

Werkstatt Mitbestimmung: Innovative Instrumente und Methoden

 

Die im Rahmen von EdA entstandenen, beziehungsweise adaptierten und weiter entwickelten Instrumente und Methoden zur Gestaltung der digitalen Arbeitswelt stellen die Mitarbeitenden mit ihrer individuellen Expertise, ihren persönlichen Erfahrungen und ihren innovativen Ideen in den Fokus. Im Rahmen der „Werkstatt Mitbestimmung Projekt EdA“ konnten die Konferenz-Teilnehmenden die Arbeit mit dem Empowerment-Index kennlernen und eintauchen in die Welt von Working Out Loud, Anders Corner, Big Five für P und Paper Mirror.

 

Empowerment-Index

Die Basis für eine zielgerichtete und nachhaltige Förderung von Empowerment ist der Empowerment-Index. Das am ISF München entwickelte Analyse- und Gestaltungstool ist ganzheitlich konzipiert und bildet die verschiedenen Handlungsfelder ab, in denen Empowerment stattfinden kann. Das neue Instrument ist zudem eingebettet in eine Theorie des digitalen Umbruchs und bezieht Aspekte wie Führung sowie Demokratie und Mitbestimmung mit ein. Es steht Unternehmen zur Verfügung, um mit den Beschäftigten und der Interessenvertretung Stärken, Schwächen und Bedarfe zu analysieren.

Link zur Befragung zur Wahrnehmung von Empowerment im Arbeitsleben

Link zur Index-Grafik

Working Out Loud:

 

Working Out Loud ist Haltung, Veränderungstool und Lernmethode zugleich. Menschen teilen ihr Wissen und die Inhalte ihrer Arbeit in einer Peer-Group von vier bis fünf Menschen und treten mit ihnen in einen interdisziplinären Austausch auf Augenhöhe. So wird der einzelne Beschäftigte sichtbarer und lernt mit dem Feedback der Gruppe weiter. Umgekehrt profitieren deren Mitglieder vom Wissen der anderen. Die „Circles“ treffen sich zwölf Wochen lang regelmäßig und arbeiten gemeinsam an individuellen Zielen. Bei den Beschäftigten der Audi AG trifft WOL auf positive Resonanz – ein Format mit Zukunft.

Paper Mirror

Paper Mirror stammt aus der Werkstatt von Labourgames, einem Zusammen-schluss, der die Spiel- und Arbeitswelt zusammenbringen will. Im Fokus steht die Rolle des Menschen in einer hoch technologisierten Arbeitswelt. Im Spiel tritt ein Menschteam gegen ein „Roboterteam” an. Das Duo, das die Roboter verkörpert, bekommt Arbeitsanweisungen vom Menschenduo, aber ausschließlich über Gesten, die es nachahmen muss. Das Falten von Papier oder die Bewegung einer Schere: Alles wird nonverbal vermittelt. Die IG Metall Bayern hat die Erfahrung gemacht: Nach drei Leveln funktioniert das Zusammenspiel meist reibungslos.

Anders Corner

 

Vorbild ist der berühmte Speaker´s Corner im Londoner Hyde Park. Im Anders Corner, der auf dem Werksgelände der Audi AG jeweils für eine Woche in wechselnden Bereichen zum Einsatz kommt, ist die Vielfalt der Beschäftigten, ihrer Talente und Projektideen gefragt. Das Motto: gestalten statt gestaltet werden. Interessierte erfahren über den Wochenplan was gerade auf der Agenda steht, beziehungsweise auf der „Bühne“ stattfindet, und können am jeweiligen Transformationsprojekt mitarbeiten. Moderatoren und Coaches begleiten sie dabei – ein Konzept, das eine neue Geisteshaltung braucht und Empowerment fördert.

Big Five für P

Diese agile und beteiligungsorientierte Methode geht auf das Konzept „Big Five for Life“ zurück: Menschen sollen sich in ihrem Unternehmensbereich auf die fünf Dinge konzentrieren, die für sie besonders wichtig und sinnstiftend sind. Führungskräfte und Beschäftigte aus der Produktion und Logistik der Audi AG haben diese Philosophie aufgegriffen und ausgehend von ihren „Wünschen, Träumen und Sehnsüchten“ eine Zukunftsvision für ihren Geschäftsbereich erarbeitet. „P bietet Zukunft“ lautet sie, ist bereits von fünf Gestaltungsteams in eine konkrete Strategie übersetzt worden, die nun im Rahmen von Pilotprojekten umgesetzt wird.

Das Feedback der Teilnehmer und Teilnehmerinnen zeigt: Die Werkstatt hat die Augen geöffnet und die Köpfe frei gemacht für neue, praxistaugliche Wege in eine beteiligungsorientierte und empowerte Gestaltung der Arbeitswelt. Welche der vielfältigen Methoden und Instrumente an welchen Stellen zum Einsatz kommen können, hängt jetzt zum einen vom individuellen Unternehmen ab und zum anderen von der spezifischen Arbeitssituation.